Dihei

Die Vordenkerin der Heimtextilien

Creative Director Camilla Fischbacher setzt im Schweizer Traditionsunternehmen Christian Fischbacher Impulse – wie mit ihrem preisgekrönten Engagement für Recylingtextilien.

Der Schweizerische Hauseigentümer: An der Mailänder Möbelmesse wurde gerade die neue Kollektion «Contemporary Persia» aus Ihrem Hause präsentiert. Was zeichnet diese aus?

Camilla Fischbacher: Der Architekt Hadi Teherani stammt wie ich selbst aus Teheran. Unsere gemeinsam entwickelten Vorhang- und Bezugsstoffe interpretieren die einzigartige Vielfalt des Irans in eleganten und raffinierten Dessins. Sanfte Farben treffen auf natürliche Materialien wie Wolle. Aber es finden sich auch kräftige Töne in der Kollektion – eine Hommage an das kontrastreiche iranische Landschaftsbild.

Sie sind dafür zu Ihren persischen Wurzeln zurückgekehrt.

Ja, im Dialog mit Hadi Teherani wurde uns die enorme schöpferische Kraft bewusst, die der Iran mit seinem reichen kulturellen Erbe entfacht. Ich lasse immer wieder mal kleine Andenken an meine iranische Herkunft einfliessen, mal ein Name für eine Kollektion, mal ein traditionelles Muster. Ich bin bei meinem Designteam dafür bekannt, Paisley-Musterzu lieben.

Und Sie sind auch bekannt dafür, mit Recyclingtextilien zu experimentieren.

Ja, ich beschloss schon 2008, in meinem ersten Jahr als Kreativdirektorin, eine neue Linie innovativer Stoffe einzuführen, die aus PET-Flaschen und industriellen Textilabfällen recycelt wurden. Das war damals sehr gewagt. Schliesslich handelt es sich bei Christian Fischbacher um ein traditionelles, fast 200 Jahre altes Familienunternehmen, das für elegante Bettwäsche und Vorhänge steht. Ich wollte ein jüngeres Publikum ansprechen. Und ich hatte bei amerikanischen Herstellern diese recycelten Stoffe gesehen – mein Gott, waren diese ersten Recyclingtextilien hässlich und unangenehm in der Haptik. Aber ich habe das Potenzial gleich erkannt.

Das war sicher nicht ganz einfach.

Stimmt, das Management-Team war damals eher etwas älter und traditionell. Da hiess es dann zunächst: Camilla, hör doch auf mit deinen Abfallstoffen. Aber ich kann sehr hartnäckig sein, wenn ich eine Idee verfolge – ich gebe dann nicht auf, bis ich sie verwirklicht habe.

Und so kam 2009 die Kollektion «Benu Recycled» auf den Markt.

Ich wusste, dass die neue Linie ein grossartiges Produkt war und dass wir weltweit eine der Ersten sein mussten, die so etwas für den Markt der Heimtextilien produzierten.

Woher stammt der Name?

Die Kollektion ist nach dem altägyptischen mythischen Vogel Benu benannt. Dieser verbrennt, um aus seiner Asche neu aufzuerstehen, ganz wie der griechische Phoenix. Das Gewebe der Benu-Kollektion wird aus gebrauchten PET-Flaschen gewonnen. Entsorgte Flaschen werden gesammelt, zermahlen und nach dem Einschmelzen zu Polyester-Endlosgarnen versponnen. Damit lassen sich im Vergleich von recycelten zu nicht recycelten PET-Flaschen in der Produktion sehr viel Energie und Wasser einsparen.

Das ist jetzt mehr als 10 Jahre her. Was waren die wichtigsten Meilensteine in der weiteren Auseinander-setzung mit dem Recycling-material?

Mit jeder Kollektion konnten wir neue Anforderungen an den Stoff erfüllen. Anfangs waren die Textilien noch nicht sehr ansprechend, rau und die Farbpalette war begrenzt. Wir arbeiteten einige Zeit daran, ein leichteres, weicheres Material zu entwickeln. Neben PET kamen allmählich auch Recyclinggarne aus der Modeindustrie zum Einsatz. Der nächste Innovationsgrad wurde mit der Schwerentflammbarkeit erreicht, damit können die Stoffe auch im Objektbereich eingesetzt werden.

Der nächste grosse Schritt folgte 2021 mit der Kollektion «Benu Sea».Was macht diese Stoffe sobesonders?

Es ist eine hochwertige Kollektion von Vorhangstoffen, die aus dem Material Seaqual Yarn entwickelt wurde. Das ist Polyestergarn, das zum Grossteil aus aufbereiteten Plastikabfällen aus dem Meer sowie aus recycelten PET-Flaschen gewonnen wird. Das Garn ist nicht nur besonders pflegeleicht, knitterarm und strapazierfähig, es ist eine vollwertige und zugleich nachhaltige Alternative zu neu produziertem Polyester.

Damit haben Sie in der Branche ein Zeichen gesetzt: Mit der «Benu Sea»-Kollektion haben Sie den Design Preis Schweiz 2021 gewonnen. Was bedeutet Ihnen, dem Unternehmen diese Anerkennung?

Sehr viel! Es ist die Bestätigung dafür, dass sich unser jahrelanges Engagement für hochwertige Recyclingtextilien gelohnt hat. Wir können damit beweisen, dass man in Sachen Ästhetik und Haptik keine Kompromisse mehr eingehen muss, denn Recyclingtextilien stehen konventionellen Produkten in nichts nach.

Woher stammen diese Abfälle, die dafür gewonnen werden?

Wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die in der nahen Umgebung von Produzenten Plastikabfälle aus den Meeren und von Stränden entfernen und aufbereiten. Dasselbe gilt auch für die Baumwoll- und Textilabfälle, sie stammen aus der Umgebung des Produzenten, werden dort sortiert und weiterverarbeitet.

Welche Herausforderungen gab es in der Entwicklung?

Die grösste Herausforderung liegt sicherlich darin, die Produkte in der gewohnten hohen Qualität zu entwickeln: Ein fliessender Fall, ein angenehmer Griff, der nicht auf die Herkunft des Materials schliessen lässt.

Innovationen wie diese sind im Textilbereich nicht einfach: Geht es immer weiter mit solchen Entwicklungen?

Unbedingt, denn wir sind erst am Anfang. Neben der Verwendung alternativer Materialien sollten wir den Schritt weiter in Richtung Kreislauffähigkeit gehen. Wir müssen uns alle bemühen, unseren Konsum zu reduzieren, auf langlebige Produkte statt auf schnelle Trends zu setzen. Und wenn uns etwas nicht mehr gefällt, müssen wir es anders einsetzen oder verschenken, so wie man es früher tat. Wertschätzung des Produkts und der verwendeten Rohstoffe ist hier das Stichwort! Das gilt für alle Gegenstände, die uns im Alltag umgeben.

Muss sich die Textilbranche in Zeiten der Klimaveränderung und Rohstoffknappheit ändern?

Inzwischen haben glücklicherweise schon einige Hersteller nachhaltige Produkte für sich entdeckt, aber es ist noch keine Selbstverständlichkeit – gerade in der Textilbranche. Es sollte ein grösserer Austausch von Erkenntnissen stattfinden, um alternative Ideen voranzutreiben.

Die Kreislaufwirtschaft als Ausweg für die angeschlageneSchweizer Textilbranche?

Kreislaufwirtschaft und intelligente Textilien sind die Zukunft. Fasern, die mit Funktionen versehen sind, um Energie einzusparen und negative Umwelteinflüsse zu verhindern. Wenn Textilien schon allein aufgrund ihrer Beschaffenheit weniger gereinigt werden müssen und so weniger Mikroplastik in die Umwelt gelangt, ist es schon ein Anfang.

Wo in der Gesellschaft muss Ihrer Meinung nach ein Umdenken stattfinden?

Bei jedem von uns! Der bewusste Konsum sollte viel mehr in den Köpfen verankert sein. Qualitativ hochwertige, langlebige Produkte sollten gewählt werden, die Bestand haben und nach einer Reparatur weiter genutzt werden können. Wir haben alle eine Verantwortung und müssen vor Augen haben, dass die Rohstoffe unserer Erde endlich sind.

«Der bewusste Konsum sollte viel mehr in unseren Köpfen verankert sein.»

Das Interview führte Andrea Eschbach, Journalistin, Zürich

Cradle to Cradle

Der perfekte Kreislauf – so lautet die Vision und das Ziel des Chemikers Michael Braungart und des Architekten William McDonough. 2002 entwickelten die beiden ein Konzept, um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Das Cradle-to-Cradle-Prinzip – von der Wiege in die Wiege – orientiert sich dabei an der Natur. Alle eingesetzten Rohstoffe werden am Ende des Lebenszyklus eines Produkts wieder vollständig und gleichwertig in den Produktionsprozess zurückgeführt.

Camilla Fischbacher

Camilla Fischbacher wurde 1970 in Teheran geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Fotografie in den USA und erwarb ihren Master of Philosophy an der Oxford University, wo sie auch ihren Mann Michael Fischbacher kennenlernte. Seit 2008 ist Camilla Fischbacher Creative Director beim St. Galler Familienunternehmen Christian Fischbacher.

 

Das Unternehmen Christian Fischbacher steht seit 1819 für feinste Textilien und Schweizer Handwerkstradition. Der 1803 geborene Gründer Christian Fischbacher sammelte damals die Webwaren der Bauernfrauen und brachte sie auf den Markt. Im19. Jahrhundert expandierte das Unternehmen immer weiter und wuchs zum Familienbetrieb heran. Sechs Generationen später ist Christian Fischbacher heute der älteste familienbetriebeneTextilverlag weltweit.